"Bella Germania": Interview mit Szenenbildnerin Petra Heim


Gerade wurden die Dreharbeiten zum dreiteiligen Familienepos „Bella Germania“ (TV Mehrteiler, 2017, Regie: Gregor Schnitzler) beendet. Von was handelt „Bella Germania“? 

Heim: „Bella Germania“ handelt von der sizilianischen Familie Marconi, die versucht, nach der Währungsreform in den Fünfziger und Sechziger Jahren im „gelobten Deutschland“  ihr Glück zu finden. Die junge Julia lernt 2013 ihren Großvater kennen und erfährt nach und nach alles über die Vergangenheit ihrer Familie, die große, letztlich unerfüllte Liebe ihrer Großmutter zu dem deutschen Ingenieur Alexander und über das aus dieser Liebe entstandene Kind Vincenzo, das schicksalhaft die deutsch-italienische Familie miteinander verbindet.

Wir erleben auf der einen Seite den Aufstieg und Erfolg in den Zeiten des Wirtschaftswunders nach dem Krieg in Deutschland und auf der anderen Seite die Zerrissenheit einer italienischen Familie, die aus einem verarmten Land kommt und sich vom deutschen Wirtschaftswunder Erfolg und Wohlstand erhofft. Aber die Konfrontation alter sizilianischer Traditionen und Lebensformen mit der deutschen Gesellschaft und Lebensart wird zu einer großen Prüfung und zu einem fast unüberwindlichen Hindernis.

Außenkulisse "Münchner Straße" / Bavaria Film © Petra Heim

Bei einem historischen Mehrteiler erwartet man erfahrungsgemäß eine opulente Ausstattung. Wie groß war Ihr Art Department und wie wurden die Aufgaben verteilt? 

Heim: In der Tat ist die Ausstattung sehr opulent, was sich vor allem in der Fülle der einzelnen Motive und Motivblöcke ausdrückt und nicht nur in der aufwendigen Gestaltung einzelner Sets. Wir hatten weit über 80 Motive in 73 Drehtagen zu bewältigen. Dazu kamen die Zeitsprünge innerhalb der Motive, wir haben schnelle Wechsel manchmal über drei Jahrzehnte in kürzester Zeit umgesetzt.

 

Wir waren gezwungen, verschiedene Drehorte gleichzeitig vorzubereiten und diese Drehorte dann wieder in den gewünschten Zustand zu versetzen oder zurückzubauen. Das war sehr personalintensiv. Während der „Stoßzeiten“ umfasste unser Ausstattungsteam ca. 20 bis 25 Mitarbeiter. Für den sehr wichtigen Dreh in Italien, der von meiner jungen Kollegin Monika Maier betreut wurde, war quasi noch einmal ein separates Ausstattungs- und Bauteam notwendig. Die Verteilung im Art-Department haben wir eigentlich im klassischen Sinn gemacht: Szenenbild und Szenenbildassistenz, Setdressing, Requisite und Requisitenassistenz, Requisitentransport und die Baubühnen mit Schreinern, Malern, etc.

Motiv "Südfrüchte Marconi" / Bau
© Petra Heim
Motiv "Südfrüchte Marconi"
© Petra Heim

Welche Grundstimmung vermittelt Ihr Szenenbild und wie haben Sie das umgesetzt?  

Heim: Die Grundstimmung für das Szenenbild gibt natürlich das Drehbuch vor und danach haben wir uns szenenbildnerisch gerichtet. 

Wichtig war es, den Aufbruch nach dem Krieg bis hin zum Wohlstandsgefühl mit seinen vielen Facetten in den Siebziger und frühen Achtziger Jahren zu zeigen. Wir haben versucht, die ersten, kleinen Schritte des Lebens im Wohlstand anhand von Autos, technischen Geräten, Werbung in verschiedenster Form und Lebensmitteln darzustellen. 

Dann wollten wir die beginnende Übersättigung der Gesellschaft und die daraus resultierende Unzufriedenheit gerade bei jungen Menschen zeigen. Zum Beispiel in den damals immer beliebter werdenden Wohngemeinschaften, in denen alle Attribute einer etablierten Gesellschaft fehlen.

Motiv "Wohnung Tanja" / Bau
© Petra Heim
Motiv "Wohnung Tanja"
© Petra Heim

Der Deutschlandteil wurde hauptsächlich am Medienstandort Geiselgasteig gedreht und die Außenkulisse der Münchner Straße regelmäßig mit großem Aufwand dem jeweiligen Jahrzehnt angepasst. Was haben Sie umgebaut und was war Ihnen bei den Umbauten wichtig? 

Heim: Die Umbauten in der „Münchner Straße“ sollten einen kleinen Teil des Schlachthofviertels darstellen und dementsprechend haben wir mit der großen Unterstützung der Bauabteilung der Bavaria Film ein Viertel geschaffen, das geprägt ist von einfachen, bürgerlichen Altbauten durchmischt mit kleinen Geschäften und „Tante Emma“-Läden. Hier hat sich dann auch unsere Familie Marconi aus Sizilien mit ihrem Südfrüchte Laden angesiedelt. 

Den Wandel der Zeit konnten wir über alle Epochen bis in die Gegenwart im Rahmen unserer finanziellen und zeitlichen Möglichkeiten ganz gut darstellen. Die entsprechende Veränderung der vorhandenen Läden war eine gute Möglichkeit. Es ist ein optimaler Blickfang, wenn aus einem Antiquitätenladen mit An- und Verkauf später ein Design-Einrichtungsgeschäft wird. 

Auch außen immer wieder an das jeweilige Jahrzehnt angepasst:
Die "Münchner Straße" / Bavaria Film © Petra Heim

Was ist essentiell um den Zuschauer grundsätzlich in ein bestimmtes Jahrzehnt zu versetzen? Durch Autos und einen bestimmten Kleidungsstil findet man sich beispielsweise auch als Laie auf einen Blick in einer ungefähren Zeit wieder. Gibt es auch „auf einen Blick“-Requisiten, die diesen Effekt haben?

Heim: Hier möchte ich anmerken, wie unendlich wichtig das Kostüm und die Maske für den Zuschauer sind, sicher ein entscheidendes Indiz, um eine Epoche und ihr Kolorit darzustellen! Daneben ist ein äußerst wichtiges und sicherlich das einprägsamste Requisit aus dieser Zeit ist tatsächlich das Auto. Wahrscheinlich fast jeder identifiziert die Isetta, die auch in unserem Dreiteiler eine sehr wichtige Rolle spielt, oder den VW Käfer als das Auto der Zeit. An den schlichten, einfachen Formen und der im Vergleich minimalistischen Technik zeigen diese Autos den Start in ein modernes und technisches Zeitalter und den damit verbundenen gehobenen Lebensstandard. Straßenszenen werden im Verlauf vielfältiger, lebendiger und schneller.

Neben dem Auto ist sicherlich das Fernsehgerät ein sehr einprägsames Requisit. Das kennt jeder und viele können sich noch an die Anfänge, sei es zuhause bei den Eltern oder in der Kneipe an der Ecke, erinnern. Was für ein großer Wandel und technischer Sprung vom Volksempfänger vor dem Krieg, zum ersten Fernsehgerät in den Fünfziger Jahren. 

Mehrere Innenräume spielen über einen langen Zeitraum eine zentrale Rolle. Wie haben Sie die vergangene Lebenszeit in den Räumen ausgedrückt ohne den Wiedererkennungswert zu verlieren? Was ist das Geheimnis eines glaubhaften Zeitsprungs? 

Heim: Bei der Umgestaltung der Dekorationen auf die einzelnen Jahre musste sehr darauf geachtet werden, dass alles in unseren zeitlichen Rahmen passt. Stilistische Veränderungen in den Wohnungen waren nur dann erforderlich, wenn es vom Drehbuch vorgegeben war oder von der Regie gewünscht wurde. 

Ansonsten bezogen sich die meist kleinen Veränderungen auf wenige, zeitgemäße und gut erkennbare Möbelstücke und Requisiten. Möbel waren damals teuer und nur die sehr gehobene Gesellschaft konnte sich den Kauf von modernen Möbeln im größeren Stil leisten. Die Wertschätzung dessen, was man hatte, war groß und behielt lange ihre Gültigkeit. Unterstützt wird das Szenenbild natürlich vom Kostümbild und der Maske. Ein glaubwürdiger Zeitsprung wäre sonst schwer möglich gewesen.

Italienische Motive "Bar" und "Hochzeit"
© Monika Maier
© Monika Maier

Woran bemerkt man den Aufenthalt in Italien in der Ausstattung?


Heim: Es war ein großes Glück, dass wir alle italienischen Motive in Italien drehen konnten. Deshalb ist der Aufenthalt in Italien aus Sicht des Szenenbilds gut zu erkennen. Nicht nur die charakteristischen und typischen Städte und Landschaften heben sich deutlich ab, sondern auch die verschiedenen Räumlichkeiten in den Städten und Dörfern. Die dem südlichen Klima angepassten Grundrisse, Lichtsituationen und bestimmten Materialien, wie z.B. Terrazzo oder andere Natursteine, prägen das klare Bild „Italien“ und seine Lebensart, mit der Leichtigkeit und Fröhlichkeit der italienischen Gesellschaft. Dazu kommt noch der charakteristische Stil der Möbel und Requisiten.

"Wohnung Rosaria", Wohnung "Concetta"
© Monika Maier

Gab es eine besonders knifflige Aufgabe, die zu lösen war? 

Heim: Eine besonders knifflige Aufgabe gab es wohl sicher nicht, aber die Bewältigung des Projekts insgesamt war sicher eine besonders knifflige Aufgabe!

Bunker vorher © Petra Heim
Bunker nachher © Petra Heim

Welches Handwerkszeug hat Ihnen die Herkunft aus der Innenarchitektur für das Szenenbild mitgegeben? 

 

Heim: Aus der Innenarchitektur habe ich sicher das Gefühl für Stil, Räume und deren Proportionen gelernt. Auch habe ich die Vorstellungskraft, leere Räume gedanklich schon bei der ersten Besichtigung einrichten zu können und das Gefühl für Farbe und ihre Wirkung im Raum, mitgebracht. Aber auch hier, wie überall, zählt natürlich die Erfahrung.

Und last but not least: Wer hat das Rennen gemacht? Was war besonders ergiebig für die Ausstattung des Projekts: Möbel, Lampen, Stoffe, Requisiten oder Kostüme? 

 

Heim: Bei „Bella Germania“ waren weitgehend alle Abteilungen relativ gleich auf im Rennen. Es hat uns bei unserer Arbeit sehr geholfen, auf kürzestem Weg, leider oft auch mal sehr kurzfristig, auf alle Produkte der FTA unbürokratisch zugreifen zu können. Dafür großen Dank!


Über Petra Heim

Petra Heim studierte Innenarchitektur in München. Nach vier Jahren als selbstständige Innenarchitektin wurde sie 1984 Szenenbildassistenz. Seit 1986 arbeitet sie als Szenenbildnerin und gestaltet erfolgreich Fernsehproduktionen mit dem Schwerpunkt TV-Mehrteiler und -Reihen. 


 

 


Ausgewählte Produktionen: 

Polizeiruf 110 - Nachtdienst (2016, TV-Film, Regie: Rainer Kaufmann)

Tatort - Die Liebe, ein seltsames Spiel (2016, TV-Film, Regie: Rainer Kaufmann)

Die Puppenspieler (2015, TV-Mehrteiler, Regie: Rainer Kaufmann)

Sophie kocht (2014, TV-Film, Regie: Ben Verbong)

Die Seelen im Feuer (2014, TV-Film, Regie: Urs Egger)

Milchgeld - Ein Kluftingerkrimi (2011, TV-Film, Regie: Rainer Kaufmann)

Margarete Steiff (2005, TV-Film, Regie: Xaver Schwarzenberger)

Störtebeker (2005, TV-Mehrteiler, Regie: Miguel Alexandre)

Das Gespenst von Canterville (2004, TV-Film, Regie: Isabel Kleefeld)

Schwabenkinder (2002, TV-Film, Regie: Jo Baier)

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