"Das Geheimnis des Totenwaldes" und die Verantwortung gegenüber wahren Begebenheiten. Interview mit Kostümbildnerin Maria Schicker


"Das Geheimnis des Totenwaldes"

Format: Familien- und Kriminaldrama (3 x 90 Min. / 6 x 45 Min.)
Produktion: Conradfilm GmbH & Co KG; Bavaria Fiction GmbH im Auftrag von NDR und ARD Degeto für Das Erste
Regie: Sven Bohse
Kostümbild: Maria Schicker
Szenenbild: Oliver Hoese
Dreharbeiten: August bis November 2019 in Hamburg und Umgebung
Ausstrahlung: Das Erste, Dezember 2020, aktuell in der Mediathek verfügbar

INHALT

© SOAPIMAGES/ConradFilm, Bavaria Fiction 2020.

Ein beliebtes Waldgebiet in Norddeutschland wird über Nacht zum „Totenwald“ - innerhalb von wenigen Wochen werden dort im Sommer 1989 zwei ermordete Liebespaare entdeckt. Die Polizei ermittelt intensiv, die Öffentlichkeit ist schockiert. Als wenig später eine Frau verschwindet, zeigt die ermittelnde Polizeibehörde jedoch wenig Interesse an intensiven Nachforschungen. Sie hat vielmehr schnell einen Verdächtigen gefunden: den Ehemann der Verschwundenen, der seine Frau aus finanziellen Motiven umgebracht haben soll. Einen Beweis dafür gibt es allerdings nicht. Der Bruder der Verschwundenen, selbst ein hochrangiger Kripo-Mann, hegt hingegen einen anderen Verdacht. Für ihn ist nicht der Ehemann, sondern ein vorbestrafter Gewaltverbrecher für das Verschwinden seiner Schwester verantwortlich.

 

Als endlich auch die Staatsanwaltschaft diese Richtung einschlägt, nimmt sich der Verdächtige in der

Untersuchungshaft das Leben. Die Ermittlungen werden umgehend eingestellt, sichergestellte Beweismittel vernichtet. „Gegen Tote wird nicht ermittelt“, so die ernüchternde Aussage. Formaljuristisch korrekt, aber dennoch ein ungeheuerlicher Vorgang, denn wesentliche Fragen sind noch offen – z. B. die nach einem wahrscheinlichen Mittäter. Den Bruder der Verschwundenen lässt der Fall nicht los. Nach seiner Pensionierung ermittelt er mit Unterstützung ehemaliger Kollegen über Jahre auf eigene Faust weiter. Dabei stößt er auf zahlreiche Ungereimtheiten, Rätsel und Ermittlungsfehler und findet schließlich nach 28 Jahren die Leiche der Schwester. Ist er damit auch dem Geheimnis des Totenwaldes auf der Spur? (Quelle: bavaria-film.de)


Was hat für Sie als Kostümbildnerin den Ausschlag gegeben das Projekt anzunehmen?

 

Maria Schicker: Der gute Ruf der Bavaria Fiction für interessante Geschichten und der respektvolle und freundliche Umgang mit den Mitarbeitern war beste Voraussetzung für Vertrauen in ein gemeinsames Projekt. Ausschlaggebend war für mich die Anfrage des Herstellungsleiters, Sascha Ommert und des Produktionsleiters, Frank Lübke.

Auf welchem Grundgedanken baut das Kostümbild für „Das Geheimnis des Totenwaldes“ auf?

Silke Bodenbender als Barbara Neder
© Michael Schreitel/ConradFilm, Bavaria Fiction 2020.

Maria Schicker: „Das Geheimnis des Totenwaldes“ ist frei nach Motiven eines der mysteriösesten Kriminalfälle der deutschen Nachkriegsgeschichte erzählt – den Göhrde-Morden.
Die Situationen sind teilweise unerträglich und ernst. Das Drama ist zu groß um sich mit Leichtigkeit in der Kostümzeit zu bedienen. Das Kostüm kann Hilfestellung sein und unterstreichen in welchem Kontext die Charaktere agieren.
Die Fashion der Zeit war farbenfroh, alles war erlaubt und wurde ausprobiert. Davon habe ich mich nur in den Kleidungsschnitten beeinflussen lassen. Farbige, laute Stoffdesigns und auch die typischen Kleiderschnitte habe ich auf ein Minimum reduziert. Zurückhaltung im Look war mir sehr wichtig.

Sie haben langjährige Erfahrung mit historischen Produktionen. Was ist Ihnen bei der Visualisierung der vergangenen Zeit besonders wichtig?

Silke Bodenbender als Barbara Neder
© Michael Schreitel/ConradFilm, Bavaria Fiction 2020.

Maria Schicker: Die Glaubwürdigkeit der Charaktere.
In unserem Projekt galt: Wenn die Zuschauer vergessen, dass der Schauspieler ein Kostüm trägt und wir uns in die Geschichte vertiefen können ohne irritiert zu sein, dann ist alles richtig.

Was war das aufwendigste Kostüm? Helfen Ihnen die Erfahrungen als Malerin beim Patinieren und Agen?

 

Maria Schicker: Ja. Ich denke in Szenen und Farben. Schon früh in der Vorbereitung habe ich mich entschieden die Rolle des Thomas Bethge in blauen Farben anzulegen. Die Anzüge, Hemden und Krawatten sind konservativ und klassisch. Ich habe mich sehr genau an die Recherche gehalten. Nur Anne Bach kommt ihm näher und wird im Lauf der drei Teile selbst diese Farbe und klassischen Schnitte übernehmen. Die beiden werden sich ähnlich und als Zuschauer empfinden wir unbewusst diese Nähe. Diese blaue Farbe habe ich ansonsten vermieden.

 

Mein besonderes Augenmerkt galt den Accessoires. Die Brillen des Thomas Bethge zeigen die Zeit an. Das ist sehr zurückhaltend und reicht als Erklärung völlig aus.

Thomas Bethge (Matthias Brandt), Anne Bach (Karoline Schuch)
© Michael Schreitel /ConradFilm, Bavaria Fiction 2020.
© Mike Kraus /
ConradFilm,
Bavaria Fiction 2020.
© Christiane Pausch /
ConradFilm,
Bavaria Fiction 2020.

Hatten Sie Kontakt zu den externen Beratern der Polizei, welche der Produktion zur Seite gestanden haben?

 

Maria Schicker: Ja, unser Kontakt war eng. Es war mir sehr wichtig, alles richtig zu machen. Wenn ich die Regeln weiß, kann ich sie verlassen. Das Wissen gibt mir eine Sicherheit.

Der Dreiteiler ist inspiriert von einem wahren Fall. Unterscheidet sich die Herangehensweise für den Charakterentwurf realer Privatpersonen durch das Kostüm von einer rein fiktionalen Geschichte?

 

Maria Schicker: Der Unterschied ist grundlegend. Bei wahren Geschichten muss die Recherche lückenlos sein. Danach entscheide ich, in welchen Situationen das Design dominieren darf. Ich benutzte privates Fotomaterial der Personen und empfinde diese Stimmung im Kostüm nach. Ich habe große Verantwortung beim Nacherzählen einer wahren Geschichte und begegne dieser Tatsache mit größter Sensibilität und Diskretion. Im Gegensatz dazu lasse ich mich im Fiktionalen beim ersten Lesen treiben und kreiere mit diesen ersten Eindrücken ein Lookbook. Bei „Das Geheimnis des Totenwaldes“ sind einzelne Figuren wie zum Beispiel Thomas Bethge und Anne Bach an der Lebensgeschichte der Protagonisten im Originalfall angelehnt. Viele Figuren, insbesondere aus dem Bereich der ermittelnden Behörden und Staatsanwaltschaft sind typisierte Kunstfiguren. Andere sind wiederum komplett fiktional ausgestaltete Figuren.

Die Polizei Weesenburg macht einen grausigen Fund im Iseforst
© Christiane Pausch/ConradFilm, Bavaria Fiction 2020.
© Michael Schreitel/ConradFilm, Bavaria Fiction 2020.

Wie viele Anproben haben Sie in der Vorbereitungszeit angesetzt?

 

Maria Schicker: Wenn möglich sehe ich die Darsteller mehrfach. Besonders wenn Kostüme angefertigt werden ist es notwendig, mehrere Kostümproben anzusetzen.

Hatten sie einen gewissen Grundstock an Auswahlkostümen für noch unbekannte Schauspieler und Komparsen? Auf welche Eventualitäten stellen Sie sich ein?

 

Maria Schicker: Ich leihe in verschiedenen Kostümhäusern, es werden auch Kleidungsstücke gekauft und es wird angefertigt. Daraus baue ich für die Rollen einen Kleiderschrank und sehe dann in den Anproben wohin die Reise geht. Wir hatten beim Totenwald viele Komparsen und Kostümwechsel im Hintergrund. Die Komparsen werden im Vorhinein anprobiert und vor Ort am Set sind nochmal Kostümänderungen möglich. In Stuntszenen werden Kostüme mehrfach gebraucht, dann wird im historischen Kontext angefertigt.

© Michael Schreitel /ConradFilm, Bavaria Fiction 2020.
Kommt nicht über den Verlust der Mutter hinweg;
Theresa Neder (Janina Fautz)
© Christiane Pausch/ConradFilm, Bavaria Fiction 2020.

Welche Rolle spielt der Kostümfundus für Sie?

 

Maria Schicker: Eine große Rolle. Der Kostümfundus ist eine ständig sich verändernde und wachsende Sammlung. Diese Kostüme darf ich verwenden, das ist eine große Bereicherung des allgemeinen Looks. Zum Anderen inspirieren diese Kostüme mich auch zu neuen Ideen in Stoffen und Zusammenstellung.

Aus Ihrer Erfahrung: Was ist der Unterschied zwischen Kostümfundi in den USA und Deutschland?

 

Maria Schicker: Die Fundi in den USA arbeiten alle mit Barcodes. Wenn ein Kostüm geliehen wird, ist das im System vermerkt. Somit ist es leicht, ein Stück zu verfolgen. Die Kosten sind sofort einsehbar und die Finanzen immer transparent. Die Häuser sind räumlich großzügiger konzipiert, es ist leichter Garderobenständer zu füllen und in den Gängen zu arbeiten. Produktionen können zur Vorbereitung ‚Cages’ zum Sammeln der Kostüme mieten.

Aber in der Tat gibt es eine Sache, die ich in Deutschland vermisse: Nach Ende eines Projekts werden die verwendeten Kostüme zwischengelagert. Entweder als ‚Hot Stock’ - meint: kein anderer Kostümbildner kann die Kostüme bis zur Ausstrahlung des Werks verwenden, oder zur Wiederverwendung bei Serien etc. Die Kostüme gehen also nicht sofort wieder zur Auswahl in den Fundus wie hier in Deutschland. Des Weiteren gibt es eine sogenannte ‚Restocking fee’ – Kostüme werden prozentual berechnet, wenn das Personal sie unbenutzt zurück sortieren muss. Also kein schlechtes Gewissen auf der Kostümbildner Seite und bezahlter Aufwand auf der anderen Seite.

Sie sind Dozentin für Kostümbild an namhaften Institutionen in Los Angeles und aktuell an der HFF München. Was möchten Sie angehenden Kostümbildner*innen mit auf den Weg geben?


Maria Schicker: Ihr seid nur so gut wie Euer Team, lernt Euer Handwerk, helft Euren Kollegen bei Fragen, seid nicht zu früh Euer eigener Chef, lasst Euch nicht verbiegen, bleibt authentisch und seid Euer Leben lang neugierig.

Nachhaltigkeit in der Kleidungsindustrie, oder deren Fehlen durch Kaufverhalten und Herstellung ist ein aktuelles Thema. Begegnet Ihnen die Debatte auch im Kostümbild für Film und Fernsehen?

 

Maria Schicker: Nicht nur die Kleiderherstellung ist ein Thema seit Jahren. Auch das Recycling. Ich achte seit Jahren auf Wiederverwendung. Nach Dreharbeiten an einem modernen Stück gebe ich meistens die Kleidung im Anschluss an Bedürftige. Verschwendung ist keine Option. Abfalltrennung ist ganz klar ein Thema bei jeder Produktion. Die Kostümabteilung macht das immer.


Über Maria Schicker

© Uli Bauer

Nach ihrer Ausbürgerung aus der DDR wegen politischer Tätigkeit begann Maria Schickers Karriere als Kostümbildnerin für Film und Fernsehen Anfang der 1980er Jahre in Berlin. Nach längeren Aufenthalten in China, Australien und Italien war sie 20 Jahre in den USA tätig und ist seit 2013 wieder in Deutschland etabliert.


Das Kostümbild von Maria Schicker wird mit geradezu wiederkehrender Regelmäßigkeit nominiert und ausgezeichnet. So war ihr Kostümbild für "Hitler-Aufstieg des Bösen" (2003) für den Emmy-Award und den Costume Designers Guild Award nominiert, es folgte eine erneute Nominierung für den Costume Designers Guild Award mit "Cold Case - Kein Opfer ist je vergessen" (2006). Das Kostümbild für "Dark Streets" (2006) wurde auf dem Cine Vegas International Film Festival mit dem Special Jury Price ausgezeichnet, "Armans Geheimnis" (2014) und "Honigfrauen (2016) erhielten auf dem NY Festival den Preis für das beste Costume Design. Zuletzt war ihr Kostümbild für "Ku'damm 56" (2015/16) für den Deutschen Fernsehpreis nominiert.

 


Neben ihren zahlreichen anspruchsvollen Projekten ist die Kostümbildnerin und Malerin als Dozentin tätig, u.a. am Fashion Institute of Design & Merchandising (FIDM / LA), dem Art Center College of Design Pasadena, dem American Film Institut (AFI / LA), der NY Filmschool LA und der HFF München.
Seit 2007 ist sie Ehrenmitglied der COSTUME DESIGNERS GUILD, CDG.

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