Serienfieber: "Der Pass". Interview mit Szenenbildnerin Heike Lange


© Sky Deutschland

"Der Pass"

TV-Serie

Regie: Philipp Stennert, Cyrill Boss
Produktion: Wiedemann & Berg Television

Ko-Produzenten: epo Film
Auftragssender: Sky Deutschland
Drehorte: Deutschland, Österreich
Drehbeginn: 23.11.2017
Drehtage: 81
Vorbereitung: seit Juli 2017
Motive: 120

Genau auf der deutsch-österreichischen Grenze wird eine grausam hergerichtete Leiche gefunden. Beide Länder nehmen daraufhin die Ermittlungen auf: Während aus Deutschland die noch unbedarfte Polizistin Ellie Stocker (Julia Jentsch) entsandt wird, wird von österreichischer Seite der desillusionierte Gedeon Winter (Nicholas Ofczarek) mit dem Fall betraut. Als wenig später noch mehr symbolisch in Szene gesetzte Leichen auftauchen, versuchen die beiden ungleichen Ermittler unter Hochdruck, die rätselhafte Motivation des Killers zu entschlüsseln, um seinem mörderischen Treiben ein Ende zu setzen.
 
Der Inhalt basiert auf der skandinavischen Serie „Die Brücke – Transit in den Tod“ und wurde bisher bereits als „The Bridge – America“ und „The Tunnel – Mord kennt keine Grenzen“ für den US-amerikanischen und britischen Markt adaptiert.


Sie drehen aktuell die für Sky produzierte Thriller-Serie „Der Pass“. Der Inhalt ist angelehnt an die skandinavische Serie „Die Brücke – Transit in den Tod“. Haben Sie sich die Umsetzung angesehen?

Heike Lange: Ja Teile davon, wobei man sagen muss, dass nur der erste Mord an der Grenze an „Die Brücke“ erinnert, der eben unsere beiden Ermittler aus Österreich und Deutschland zusammenbringt. Ich sehe „Der Pass“ absolut als eigenständige Geschichte. Im Team haben wir weitere Serien, national und international, angesehen, gemeinsam diskutiert und analysiert. Ein eigenständiger und internationaler Look ist unser Antrieb und unsere Motivation, bis zum letzten Drehtag, der nun in drei Wochen sein wird.

"Das Verschwinden"
© 23/5 Filmproduktion, Gerald von Foris
"Das Verschwinden"
© 23/5 Filmproduktion, Yoshi Heimrath

"Der Pass" ist ihr zweites Serienprojekt nach „Das Verschwinden“ von Hans Christian Schmid. Was reizt Sie an anspruchsvollen und aufwendigen Serienprojekten?

Heike Lange: Nicht nur der Rollenentwicklung der Charaktere wird Raum gegeben, auch im Szenenbild haben wir vielfältige Möglichkeiten bis ins kleinste Detail Räume und Figuren zu erzählen. Uns geht es wohl im besten Fall wie dem Zuschauer, der sich im Serienfieber befindet.

 

Zum Beispiel haben wir beim "Verschwinden" eine eigenständige Kleinstadt aus vielen unterschiedlichen Gemeinden erfinden und bebildern können. Die umfangreiche ausgearbeitete Motivwelt bei "Der Pass", das gesamte Spektrum einer alpenländischen Welt in Serienlänge zu gestalten, ist herausfordernd für Kreation und Kondition. Die Durchführung eines Serienprojektes war eine mir bis dahin noch nicht bekannte Aufgabenstellung. Das Grundkonzept des Szenenbilds haben wir in einer sehr frühen Phase der Vorbereitung entwickelt, aber vieles verändert sich einfach während der langen Drehzeit. Es ist ein immer währender Zyklus aus Vorbereitung, Aufbau, Dreh und Abbau, der manchmal nicht zu enden scheint. Wir entwickeln ein großes Bild in unterschiedlichsten Phasen. Irgendwann, in der Mitte des Drehs, gibt es den Moment an dem klar wird, dass es zu Einem zusammen gewachsen ist.

Ein Motiv in der Vorbereitungsphase und während des Wintereinbruchs bei Drehbeginn. © Heike Lange

2017/2018 war ein langer Winter. Hatte das Auswirkung auf die Dreharbeiten?

Heike Lange: Wir haben den Film im Hochsommer bis Frühherbst geplant und waren in der Annahme, einen braunmatschigen Herbst-/Winterfilm drehen zu können. Um den Winterlook zu gestalten war an bestimmten Key Motiven SFX Schnee geplant. Ideal zum Drehstart kam der originale Schnee. Es wurde dann sogar der längste, kälteste und schneereichste Winter seit Jahren in den Salzburger und Berchtesgadener Bergen. Die Atmosphäre der Bilder und das Konzept des Szenenbildes wurden dadurch auf wunderbare Weise unterstützt.

Neben den gestellten Aufgaben waren die Anstrengungen für das gesamte Team bei Wind und Wetter gerade an den Außenmotiven kräftezehrend. Im Tiefschnee an Motive zu kommen, Schneeketten anzulegen und den Minustemperaturen zu trotzen, das war enorm. Jeden Tag habe ich mit Bewunderung mein Team gesehen, dass diesen oft harten Wetterbedingungen mit einem Lächeln und größtem Einsatz begegnet ist. Wir haben dem Wetter die Stirn geboten. Und kennen sicherlich nun ein Dutzend unterschiedliche Arten von Schnee, Schneekonsistenzen und Arten des Schneefalls.

© Heike Lange

Die deutsch-österreichische Grenze spielt eine wichtige Rolle in der Handlung. Wie sind Sie auf die Unterschiedlichkeit der Länder eingegangen? 

Heike Lange: Im Vordergrund steht das ländliche Grenzgebiet Berchtesgaden / Salzburg. Bei „Der Pass“ spielen zwei sehr unterschiedliche Menschentypen aus Deutschland und Österreich die Hauptrolle. Deren unterschiedliches Leben und deren Herkunft prägen die Charaktere. Unsere Herausforderung besteht darin, in dem doch bilderbuchhaften Berchtesgaden eine düstere thrillerhafte Welt zu gestalten, die eben nicht nach Alpenkitsch aussieht. Unser Ziel ist es keinen klassischen „Alpenkrimi“ zu gestalten.

Also wurden keine gängigen Klischees herangezogen?


Heike Lange: Wir führen den Zuschauer in eine Welt, die tiefverwurzelte Ängste und Furcht hervorruft. Gerade das Offensichtliche und für alle Selbstverständliche birgt eine großartige Kraft, der wir uns gestellt haben. Es begegnen sich Menschen, mit all ihren dunkelsten Gedanken und auch Lichtblicken. Die Kombination daraus ist eine wunderbare und interessante Arbeit. Die Jahreszeit in der wir „Der Pass“ angelegt haben und die freie Herangehensweise an die Locationauswahl ermöglicht es uns, festgefahrene Vorstellungen zu überwinden.

Außenmotive abseits der bilderbuchhaften Alpenidylle. © Heike Lange

Bisher waren die Verfilmungen in urbanen Grenzgebieten angesiedelt. Bei „Der Pass“ könnte man sich vorstellen, dass die Landschaft eine wichtige Rolle spielt. Wie hat sich das auf das Szenenbild ausgewirkt? 

Heike Lange: Die Landschaft und die Verortung der zwei Lebenswelten sind ein immerwährender Gegenspieler in „Der Pass“. Die Naturmotive waren eine außergewöhnliche Herausforderung an das Szenenbildteam, vor allem die Locationscouts. Ich konnte an unglaublich eindrucksvolle Berg-, Wald- und Wassermotive gelangen. Wir haben in einem großen Gebiet in den Berchtesgadener Alpen, Salzburger Bergen, im Gasteiner Tal und in der Steiermark gescoutet. Die Intensität der Berglandschaften ist beeindruckend und wirkt auf mich positiv nach.

 

Die schöne Herausforderung für mein Team und mich waren bei „Der Pass“ die große Vielfalt und Anzahl an unterschiedlichen Motiven und Sets. Ein riesengroßer Pool aus dem wir schöpfen konnten. Vom High Class City Motiv bis zum runtergekommenen Bauernhof, vom Chalet eines Großindustriellen zu einer Maskenschnitzerei, vom Ein-Raum-Keller zum großen Studioset der SOKO, die wir gerade in Wien drehen.

Sorgfältig ausgewählte Locations bilden einen perfekten Rahmen für das düstere Setting der Thriller-Serie. © Heike Lange

Was war der aufregendste Leichenfundort den Sie entworfen haben? 

Heike Lange: Sicherlich der Fundort der ersten Leiche auf einem Grenzstein auf 2500 Meter im Großglockner Gebiet, den wir dann wegen Lawinengefahr verschieben mussten. Da wir mit unserer Reiseproduktion weitergezogen sind, haben wir einen anderen Drehort gesucht. Schließlich hat es dann in den letzten Drehtagen im Salzburger Land doch noch funktioniert, den spektakulären Fundort an einer Stelle in den Gasteiner Bergen zu drehen. 

Was macht für Sie ein gutes Szenenbild für einen Thriller aus? 

Heike Lange: In Extremen zu denken, das war für mich gerade hier ein großer gestalterischer Anreiz. Die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Drehbuchstoff ist nicht anders wie bei einem Drama oder einer Komödie. Das Drehbuch gibt mir ein Gefühl, Informationen und einen Rahmen, an dem ich dann das Szenenbild erdenke.

Mir gefällt bei der Arbeit an einem Thriller auf die düstere Seite unserer Gesellschaft zu blicken. Mit Cyrill Boss und Philipp Stennert (Regie & Drehbuch) und Philip Peschlow (Kamera) haben wir passende Stilisierungen der Räume erdacht. Der Entwicklung und den psychischen Zuständen der beiden Hauptrollen visuellen Ausdruck zu geben und gemeinsam Bilder zu erarbeiten, ist eine außergewöhnliche Erfahrung gewesen. Selbst für kleinste Schnittbilder, die die Geschichte reich und umfangreich anfüllen, haben wir bis ins Detail mit größtem Aufwand gestaltet.

Sie haben eine lange Reihe toller Projekte in ihrer Filmografie. „Eine unerhörte Frau“ wurde beispielsweise erst vor Kurzem mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. Wie wählen Sie Ihre Projekte aus?

Heike Lange: Es ist ein Zusammenspiel aus mehreren Kriterien. Ich möchte von der Lektüre des Drehbuchs mitgerissen werden und glaubhafte Figuren und Welten erleben, um dann mit der Regie lebendige Bilder erschaffen zu können. Sympathie und ein positives Miteinander sind ebenso entscheidungsgebend. Bei jeder Projektarbeit kommt man mal an komplizierte Wendepunkte oder Momente und eine gemeinsame Sprache und lebendige Kommunikation führen dann zu einem guten Ergebnis. Auch entscheidend ist die Position des DOP's und der Regieassistenz, die neben dem Regisseur meine engsten Partner sind.


Über Heike Lange

© Sammy Hart

Heike Lange, geboren am 21. März 1977 in München, absolvierte bis 2002 ein Studium der Innenarchitektur. Bereits während des Studiums spezialisierte sie sich auf den Filmbereich und sammelte als Trainee bei Produktionen wie "Anatomie" (2000) und Hans Christian Schmids "Crazy" (2000) praktische Erfahrungen. Seit 2003 ist sie als Szenenbildnerin und Ausstatterin für Kino-, Fernseh- und Werbeproduktionen tätig. Als verantwortliche Ausstatterin entwarf sie die Szenenbilder unter anderem für den auf dem Land spielenden Jugendfilm "Sommersturm" (2004), das urbane Graffiti-Sprayer-Drama "Wholetrain" (2006) und den Fantasy-Kinderfilm "Die wilden Kerle 5 – Hinter dem Horizont" (2008). Für ihre Arbeit bei dem postapokalyptischen Thriller "Hell" wurde Lange 2012 für den Deutschen Filmpreis nominiert. „Eine unerhörte Frau“ (2015) erhielt kürzlich den Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie „Bester Fernsehfilm“.

 

 

Ausgewählte Produktionen: 

 

Das Verschwinden (2016), Schoßgebete (2013), Stereo (2013), Inschallah (2010), Hell (2009/2010), Die wilden Kerle 5 – Hinter dem Horizont (2007), Stellungswechsel (2006), Wholetrain (2004), Sommersturm (2003)

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